top of page

Warum Europäer angeblich nur ein Auge haben – und China davon nichts weiß

Aktualisiert: vor 22 Minuten

Europäer hätten nach chinesischer Auffassung nur ‚ein einziges Auge‘ – schreibt Christiana Mariana von Ziegler. Doch für eine solche Redewendung findet sich in chinesischen Quellen kein Beleg. Zwar sind Augenmetaphern im klassischen Chinesisch weit verbreitet, doch beziehen sie sich auf einzelne Personen oder konkrete Situationen, nicht auf ganze Völker. Die vermeintlich chinesische Aussage entpuppt sich damit als europäische Zuschreibung. Der Gastbeitrag von Dongyao Liu nimmt diese editorische Beobachtung zum Ausgangspunkt für eine historische Spurensuche nach der Herkunft dieses Sprichworts.


Statue mit Trümmern im Kopf

Ein chinesisches Sprichwort, das in China unbekannt ist

Während meines Aufenthalts als Gastwissenschaftlerin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) kam ich mit Dr. Marisa Irawan, Mitarbeiterin im Editionsprojekt der Werke von Christiana Mariana von Ziegler, über eine Textstelle in den Moralischen und vermischten Sendschreiben (1731) ins Gespräch. Ziegler warnt dort vor übersteigerter Einbildungskraft und dem Gefühl moralischer Überlegenheit aus übermäßiger Vorsicht. Zur Zuspitzung greift sie auf einen Vergleich zurück: Solche Personen hielten andere für zu unvorsichtig und daher in ihrer Einsicht beschränkt, „wie die Chineser uns Europäern Schuld geben, ein einiges Auge“ zu haben (Ziegler: Moralische und vermischte Send-Schreiben, Leipzig 1731, S. 357).

Für einen Moment war mir diese Passage ‚chinesisch‘, denn die Irritation dieser Wendung ist vielschichtig. Sie setzt erstens voraus, dass „die Chineser“ den Europäern ein eingeschränktes Erkenntnisvermögen zuschrieben. Zweitens verwendet Ziegler eine Metapher – die Zahl der Augen als Maß von Einsicht –, die hier nicht individuell, sondern kollektiv und ethnisch appliziert wird. Drittens legt die Formulierung nahe, diese Zuschreibung gehe tatsächlich von China selbst aus. Doch hier beginnt das Problem: Diese Redewendung existiert in chinesischen Quellen nicht. Um zu verstehen, warum diese Zuschreibung dennoch plausibel erscheinen konnte, lohnt zunächst ein Blick auf die Rolle von Augenmetaphern in der chinesischen Sprache selbst.


voir & savoir: Augenmetaphern im Chinesischen

In der chinesischen Tradition fungieren ‚Augen‘ und ‚Sehen‘ tatsächlich häufig als Metaphern für Einsicht – oder deren Fehlen. Besonders verbreitet sind Wendungen, die zwischen Sehen und Verstehen unterscheiden. So bezeichnet die Redewendung 有眼无珠 (wörtlich: ‚Augen haben, aber keine Pupillen‘) eine Person, die zwar sieht, aber nicht erkennt. Ähnlich kritisiert 视而不见 (‚hinsehen und doch nicht sehen‘) das bewusste Ignorieren von Offensichtlichem.

In diesen Fällen bleibt die Metapher individuell: Sie zielt auf Fehlurteile einzelner Personen, nicht auf Eigenschaften ganzer Gruppen. Zugleich kennt die chinesische Sprache auch Redewendungen, in denen ‚weniger sehen‘ ausdrücklich positiv konnotiert ist. Die Wendung 睁一只眼闭一只眼 (‚ein Auge öffnen und eines schließen‘) beschreibt eine bewusste Nachsicht: den Verzicht auf ein strenges Urteil zugunsten sozialer Harmonie.

Gerade diese Semantik macht deutlich, dass im Chinesischen ein reduziertes Sehen nicht mit geringerer Erkenntnis gleichgesetzt werden muss. Damit verdichtet sich der Verdacht, dass wir es bei der Formel vom ‚einen Auge der Europäer‘ mit einer externen Zuschreibung zu tun haben. Wenn das Bild also nicht aus China stammt, stellt sich die Frage, wann und wo es in Europa erstmals greifbar wird.


„The Chinese say …“: Europa erfindet eine chinesische Stimme (15.–17. Jahrhundert)


1. Robert Burton (1621): „The Chinese say…“

Ein früher, europäischer Beleg findet sich beim englischen Gelehrten Robert Burton (1577–1640). In seinem enzyklopädisch angelegten Werk The Anatomy of Melancholy (1621; 2., erw. Aufl. 1624) heißt es in der Vorrede:

„The Chinese say, that we Europeans have one eye, they themselves two, all the world else is blind.“

Die Bemerkung erscheint im Kontext einer Reflexion über menschliche Selbstüberschätzung und nationale Voreingenommenheit. Burton reiht hier verschiedene Beispiele aneinander, mit denen er die Tendenz illustriert, die eigene Perspektive für die einzig gültige zu halten. Das China-Zitat fungiert somit nicht als ethnographischer Befund, sondern als rhetorische Figur im Dienst einer moralischen Pointe.

Gleichwohl zeigt die Passage, dass bereits im frühen 17. Jahrhundert in England die Vorstellung kursierte, die Chinesen reklamierten für sich eine epistemische Überlegenheit gegenüber Europa und dem Rest der Welt („all the world else“). Ob diese Vorstellung auf konkretem Wissen beruhte oder vielmehr ein zirkulierender Topos war, bleibt bei Burton offen – und ist für seine Argumentation auch unerheblich. Entscheidend ist allein die rhetorische Wirksamkeit der zugeschriebenen Stimme.

Burton: The Anatomy of Melancholy
Burton: The Anatomy of Melancholy

2. João de Barros (1563): „Dois olhos de entendimento“

Noch vor Burton lässt sich die Formel von den ‚zwei Augen‘ bereits beim portugiesischen Chronisten João de Barros (1496–1570) nachweisen. In seiner Terceira Década da Ásia (1563) heißt es im Zusammenhang mit der Beschreibung Chinas und seiner Wissenskultur:

„E bem como os gregos, em respeito de si, todas as outras nações haviam por bárbaras, assim os chineses dizem que eles têm dois olhos de entendimento acerca de todas as coisas; e nós, os da Europa, depois que nos comunicaram, temos um olho; e todas as outras nações são cegas.“ (Und so wie die Griechen alle anderen Völker als Barbaren betrachteten, so sagen die Chinesen, sie besäßen für alle Dinge zwei Augen des Verstandes; wir Europäer hätten – seit wir mit ihnen in Verbindung stehen – ein Auge, während alle übrigen Nationen blind seien.)

Barros überträgt hier den bekannten Topos der griechischen Selbstüberhöhung auf China. Die „dois olhos de entendimento“ – wörtlich ‚zwei Augen des Verstandes‘ – sind als epistemische Metapher markiert. Auffällig ist zudem die Vergleichslogik: China verfügt über zwei Augen – Europa über eines – alle übrigen Nationen sind blind. Die Hierarchisierung folgt einem europäischen Deutungsmuster, das kulturelle Überlegenheit narrativ ordnet und dabei China als Spiegelbild der klassischen Antike inszeniert. Damit zeigt sich bei Barros eine wichtige Zwischenstufe: Die Formel wird Teil einer historiographischen Konstruktion.


Barros: Terceira Década da Ásia 
Barros: Terceira Década da Ásia 

3. Niccolò de’ Conti (1440): „The Franks“ with One Eye

Der venezianische Kaufmann Niccolò de’ Conti (1395–1469), der zwischen 1419 und 1444 große Teile Süd- und Südostasiens bereiste, hinterließ keinen eigenen lateinischen Bericht; seine Erzählungen wurden von dem Humanisten Poggio Bracciolini (1380–1459) in De varietate fortunae literarisch festgehalten. In der von Henry Yule begründeten und von Henri Cordier erweiterten Ausgabe Cathay and the Way Thither (1913–1916) begegnet eine Variante der Augenmetapher:

„The Chinese were said to be the most skilful workmen in the world. They said themselves that they had two eyes, the Franks one, and the Moors (Mahomedans) none (an expression which we find repeatedly quoted by different authors).“

Diese Aussage erscheint nicht als direktes Zitat eines chinesischen Textes, sondern als berichtete Rede („were said“, „They said themselves“) und wird zugleich von den Herausgebern als vielfach tradiertes Motiv („repeatedly quoted“) markiert.

Auffällig ist zudem die Dreiteilung „Chinese – Franks – Moors“, die eine europäische religiöse Hierarchie widerspiegelt und damit deutlich den kulturellen Kontext verrät, aus dem diese Zuschreibung stammt: „Franks“ bezeichnete im mittelalterlichen Gebrauch die lateinisch-christliche Welt, „Moors“ (‚Mauren‘) die islamischen Bevölkerungen Nordafrikas und des Nahen Ostens. Die traditionelle chinesische Weltordnung folgte anderen Ordnungsmustern, etwa der Huá–Yí-Unterscheidung (华夷之辩): dem Gegensatz von ‚zivilisiertem Zentrum‘ (中华) und ‚äußeren‘ Völkern (四夷). Wenn überhaupt, hätte eine chinesische Selbstbeschreibung die Welt eher selbstbewusst in „Wir“ und „die Anderen“ eingeteilt. Auch hier erscheint also weniger eine chinesische Stimme als eine europäische Überlieferung, die China eine solche Hierarchie der Völker zuschreibt.


Von Farang zu Franks: Eine persische Traditionslinie?

In der chinesischen Forschung hat Liwei Wu (吴莉苇) die Problematik der ‚Zwei-Augen‘-Formel aufgegriffen. Sie vermutet, dass die in europäischen Texten kursierende Zuschreibung ursprünglich persischen Ursprungs sei und folgt damit dem iranisch-französischen Historiker Aly Mazahéri. Dieser weist darauf hin, dass im islamischen Sprachraum seit dem Mittelalter der Begriff ‚Farang‘ als Bezeichnung für westliche Christen gebräuchlich war – ein Terminus, der in europäischen Reiseberichten als ‚Franks‘ erscheint.

Mazahéri verweist zudem auf eine ähnliche Sentenz beim Gelehrten al-Jāḥiẓ (9. Jh.), wonach „die Chinesen mit zwei Augen sehen, die Griechen mit einem, alle übrigen Völker aber blind seien“. Sollte die Formel tatsächlich in einem persisch-zentralasiatischen Vermittlungsraum entstanden sein, ließe sich ihre spätere Präsenz in europäischen Reiseberichten erklären.

Sicher belegen lässt sich diese Traditionslinie bislang jedoch nicht. Die ‚Zwei-Augen‘-Formel erscheint daher weniger als lokalisierbares Sprichwort denn als wanderndes Motiv, das in unterschiedlichen kulturellen Kontexten neu gedeutet wurde.


Zurück nach Leipzig

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Ziegler den Vergleich in den Moralischen und vermischten Sendschreiben ohne erläuternden Kommentar verwenden konnte. Die Wendung war im gebildeten Europa des frühen 18. Jahrhunderts anschlussfähig geworden: als pointierte Metapher für Überlegenheitsdenken, Selbsttäuschung und moralische Blindheit. Ziegler verwendet sie daher wohl nicht ethnographisch. Gleichwohl reproduziert sie eine Zuschreibung, deren Herkunft im Laufe der Überlieferung längst vergessen war.

Gerade deshalb ist die Stelle editorisch erklärungsbedürftig: Sie dokumentiert weniger ‚China-Wissen‘ als vielmehr den Umgang mit global zirkulierenden Projektionsfiguren. Oder, um es mit einer späteren Redewendung zu sagen: Für die Herkunft dieser Behauptung interessierte man sich kaum – als wäre irgendwo in China ein Sack Reis umgefallen.


---

Text von

Dr. Dongyao Liu

Associate Professor an der Universität für Wissenschaft und Technik Peking (USTB), Gastwissenschaftlerin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)



 
 
bottom of page