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Christiana Mariana von Ziegler: Aufklärungsfeminismus, Kulturtransfer, Edition – Workshop an der HAB Wolfenbüttel, 4./5. Juni 2026

Tagungsbericht von Hannah Scheuble, studentische Hilfskraft im Ziegler-Editionsprojekt


Letzte Woche reiste unser Projektteam in das malerische Wolfenbüttel, um einen Workshop zu den Themen Editionspraxis, weibliche Autorschaft und interdisziplinäre Forschungsansätze zu Christiana Mariana von Ziegler durchzuführen. Teilnehmende des Workshops waren Forschende, die sich ebenfalls mit der Sichtbarmachung von Autorinnen des 18. Jahrhunderts u.a. durch Edition beschäftigen oder an Editionen zu kanonischen Autoren dieses Zeitraums arbeiten.



Nach einer Begrüßung durch Corinna Dziudzia (Leiterin der Abteilung Forschungsplanung und Forschungsprojekte der HAB Wolfenbüttel) stellten Astrid Dröse und Marisa Irawan (Karlsruhe) das Editionsprojekt „Christiana Mariana von Ziegler: Aufklärungsfeminismus und Kulturtransfer“ vor. In Zuge der editionsphilologischen Arbeiten im Projekt waren in unserer Arbeitsgruppe einige Fragen aufgetreten, die etwa den Umgang mit dem Begriff ‚Aufklärungsfeminismus‘ betreffen oder auch die Handhabung der Kommentierung. Diese Fragen wurden während der folgenden Impulsvorträge zu weiteren Editionsprojekten immer wieder aufgegriffen und rege diskutiert.


In der anschließenden Archivalienschau im Lesesaal der Bibliotheca Augusta konnten wir Fragen zur Materialität der Drucke direkt an den Beständen klären: Die Organisatorinnen waren schon früher angereist, um das breit gefächerte Archivmaterial zu sichten und zu sortieren. Besonders interessant war es, durch die bisher nur in digitalisierter Form genutzten Drucke der Schriften Zieglers blättern zu können, ein bislang nicht dokumentiertes Casualgedicht in einem Sammeldruck sowie eine Reihe von Vertonungen ihrer Gedichte und Portraits in Augenschein zu nehmen.



Anschließend berichtete Céline Martins-Thomas (Zürich) über das seit diesem Jahr laufende SNF-Projekt „META“, das sich der Edition der Werke Margarete Klopstocks widmet. Das Projekt beschäftigt sich besonders mit der Bedeutung M. Klopstocks als Vertreterin eines ‚ästhetischen Feminismus‘ und strebt deren Wiedersichtbarmachung im literarischen Kanon an. Diskutiert wurde im Anschluss an die Präsentation insbesondere, ob man M. Klopstocks Werks feministisch interpretieren kann und wie die Rolle F. G. Klopstocks zu bewerten ist. Auch wurde  diskutiert, ob eine Edition ideologisch vollkommen ‚neutral‘ sein könne oder immer automatisch bestimmten Narrativen oder Perspektiven folge. Für eine Kommentierung sollten jedoch – so eine weitere Position in der Diskussion – z. B. feministische Interpretationen in flankierende Forschungsartikel ausgelagert werden, was im Fall des META-Projekts auch geplant ist. Der erste Workshop-Tag endete mit einem gemütlichen Abendessen im Ratskeller.


Der zweite Tag begann mit Einblicken in das BMFTR-geförderte Projekt Lost in Archives. Auf der Suche nach unsichtbaren Frauen in Männerdomänen“, vorgestellt von Sunna Kroy (München). Der Vortrag zeigte auf, wie Autorinnen und ihre Werke trotz einer zeitgenössisch weitreichenden Rezeption heute in Vergessenheit geraten sind – weil etwa Manuskripte von Theaterstücken aus verschiedenen Gründen nicht gedruckt wurden und daher schwer zugänglich bzw. (selten digitalisiert) in Archiven lagern. Ziel des Projekts ist es, diese Autorinnen bzw. ihre Texte aufzufinden und sie wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um dies zu erreichen, nutzt das Projekt multimediale, v.a. digitale Herangehensweisen, etwa einen Podcast, eine Graphic Novel und eine Wanderausstellung. Das Projekt setzt also vor allem auf Öffentlichkeitsarbeit, auch wenn erschließende Forschung (z.B. in Form von Tagungen und wissenschaftlichen Publikationen) auch eine Rolle spielen. Im Anschluss wurden die Vor- und Nachteile digitaler und analoger Editionen diskutiert sowie die Frage, wie Forschungsergebnisse zu Autoren und Autorinnen des 18. Jahrhunderts auch einem nichtwissenschaftlichen Publikum nähergebracht werden können, aber auch welche Herausforderungen damit verbunden sind.



Fragen zur digitalen Edition beschäftigte v.a. das Team des Editionsprojekts „Lessing digital (gefördert vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur), Kai Bremer (Berlin), Viktoria Take-Walter (Göttingen) und Jörg Wesche (Göttingen). Sie stellten zunächst die Homepage der gerade erfolgreich abgeschlossenen Impulsedition von Lessings Freimaurergespräch Ernst und Falk vor und zeigten, wie digitale Editionen die philologische Arbeit mit Handschriften, Transkriptionen und Textvarianten auf neue Art bereichern können – indem z.B. die Spuren des Zensors in einem verlinkten Digitalisat sichtbar werden. „Lessing digital“ verfolgt daher auch das Ziel, die Publikationsgeschichte des Textes offenzulegen. Demgegenüber spielt der Textstellen-Kommentar eine eher untergeordnete Rolle, da er etwa durch vorliegende Editionen bereits zur Verfügung steht. Allerdings wird bei „Lessing digital“ erstmals das Freimaurervokabular erschlossen (durch Verlinkungen mit entsprechenden Lexika). Die digitale Edition soll damit einerseits einem wissenschaftlichen Publikum und andererseits durchaus auch für den Schulkontext offenstehen. In der sich anschließenden Diskussion wurde besonders die Bedeutung einer transparenten Editionspraxis hervorgehoben: Jede Edition müsse offenlegen, warum sie sich für die jeweilige Herangehensweise entschieden habe.


Der letzte Vortrag wandte sich erneut Christiana Mariana von Ziegler zu. Inga Mai Groote (Zürich) gab musikwissenschaftliche Einblicke in Zieglers Kantaten, die von J. S. Bach und Telemann vertont wurden. Dabei erklärte sie die Gattung der Kantate im europäischen Kontext und bezog italienische und französische Beispiele ein; zum Umgang mit möglichen Varianten der vertonten Texte, die von Bach oder Ziegler stammten, stellte sie Überlegungen an, die insbesondere für unsere geplante Edition des Versuchs in Gebundner Schreibart (Teil I und II) sehr hilfreich waren.



Wir möchten uns bei allen Teilnehmenden – neben den Vortragenden wurde unser Workshop durch Diskussionsbeiträge von Christian Wiebe und Julia Schöll (Braunschweig) bereichert – für den inspirierenden Dialog und die intensiven Gespräche herzlich bedanken. Wir freuen uns auf den weiteren Austausch. Vielen Dank an die Van Runset-Stiftung und die DFG für die Finanzierung der Veranstaltung. Besonderer Dank gilt Corinna Dziudzia und ihrem Team an der HAB für die Unterstützung bei der Organisation des Workshops.

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