Gelegenheitsgedichte in frühaufklärerischer Tradition oder Wie Zieglers Gedicht eine Brücke zwischen Gelehrsamkeit und sozialem Prestige schlägt
- HScheuble

- vor 5 Tagen
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Während unserer Recherchen zu weiteren Schriftzeugnissen von und über Christiana Mariana von Ziegler haben wir einen kuriosen Fund gemacht: ein bisher weitgehend unbekanntes Gelegenheitsgedicht, das nicht etwa in einer Gedichtsammlung oder moralischen Wochenschrift erschienen ist – sondern in einem monumentalen Werk über Brücken.
Die merkwürdigsten Brücken aus aller Welt
Carl Christian Schramms Historischer Schauplatz, in welchem die Merkwürdigsten Brücken aus allen vier Theilen der Welt […] vorgestellet und beschrieben werden (Leipzig 1735) ist, wie Ziegler selbst bemerkt, ein besonders „gründliche[s] Werk[]“. Auf rund 250 Seiten führt es seine Leser*innen von der Dresdner Elbbrücke über die Königliche Brücke in Prag bis zu den Brücken Japans, Chinas und Indiens. Neben ausführlichen Beschreibungen enthält der Band Kupferstiche von Brücken und Stadtansichten, historische Zeugnisse wie Gerichtssiegel, Lehnsbriefe und Verträge sowie Huldigungen an den sächsischen Kurfürst Friedrich August II., späterer König August III. von Polen, und seine Frau, Maria Josepha. Beide sind Widmungsempfänger des Bandes.

Bereits das Frontispiz und die Widmung machen deutlich, dass Schramms Werk mehr sein will als eine bloße Sammlung bemerkenswerter Brücken: Es präsentiert die Dresdner Elbbrücke als Vorbild herausragender Technik, anhand derer im ersten Kapitel die Bedeutung von Brücken allgemein exemplifiziert wird, und zugleich als Monument königlicher Herrschaft.
Zwischen Huldigung und Gelehrsamkeit
Noch bevor der Band allerlei Brückenansichten, historische Dokumente und Urkunden präsentiert, findet man vier Lobgedichte, darunter eines von Christiana Mariana von Ziegler. Darin preist sie den „gelehrten Herrn Verfasser“ für sein Werk, das von bleibendem Wert sei. Würzt sie das Ganze vielleicht auch mit Humor? Man hat den Eindruck, dass sie hier – wie auch sonst in ihren weltlichen Texten – ein wenig spöttelt: „Bewundert Satz vor Satz, und worzu jeder nützt. […] Dein Wissen ist zu groß, Monarchen mercken drauf.“ Andererseits könnten die pathetischen Formeln des frühaufklärerischen Gelegenheitsgedichts für uns, das moderne Publikum, so ungewohnt sein, dass es lediglich ironisch wirkt.

Auf den ersten Blick mag dieser Fund wenig spektakulär scheinen. Schließlich sind Gelegenheitsgedichte Zieglers keine Rarität. Bekannt sind ihr Epicedium an Johann Lorentz Mosheim, ihr Genethliakon auf August den Starken, für das sie 1732 den Preis der Poesie der Deutschen Gesellschaft in Leipzig erhielt, sowie die Lob- und Scherzgedichte in ihren Gedichtbänden. Hinzu kommt, dass das Kausalgedicht trotz seiner in den letzten Jahrzehnten erstarkten Erforschung immer noch oft als inhaltlich und stilistisch trivial gilt. Die Erkenntnisse und Fragen, die sich aus dem Gedicht ergeben, sind allerdings alles andere als trivial.
Denn das vorliegende Gedicht zeigt, dass sich Ziegler nicht auf ihren Wirkungsbereich als Salonnière und Dichterin beschränkte. Als Verfasserin des Lobgedichts inszeniert sie nicht nur Schramm als Gelehrten, sondern auch sich selbst als interessierte, gebildete Autorin. Die Tatsache, dass es ihr zukam, dem Autor des Brückenbuchs durch ihr Lob Prestige zu verleihen, spricht für das Ansehen, das sie in den intellektuellen Kreisen Leipzigs genoss. Zusätzlich erschließt sie sich einen Wissensraum, der Frauen ihrer Zeit nur eingeschränkt offenstand. Denn während Kunst und Literatur schon länger auch ‚Frauensache‘ waren, waren andere Wissensbereiche wie Baukunst, Technik und Geographie, die Schramm in seinem Buch versammelt, nach wie vor männlich dominierte Themen. Hier lässt sich exemplarisch beobachten, wie Ziegler das Kasualgedicht nutzt, um sich auch als Kennerin technischer Schriften und damit als Akteurin der gelehrten Öffentlichkeit zu präsentieren.
Gelegenheitsdichtung – eine unterschätzte Gattung?
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts geht die wachsende Bedeutung der Schriftkultur mit einer sozialen und gesellschaftlichen Aufwertung gelehrter Tätigkeit einher. Zugleich wird das schriftliche Medium zu einem zentralen Kommunikationsmittel der Zeit. Dieser Verschriftlichungsprozess der Öffentlichkeit verleiht dem Gelegenheitsgedicht eine besondere Stellung. Aufgrund seiner Kürze und der Vielfalt seiner Gestaltungsmöglichkeiten und Anlässe ist es einer breiten Produzent*innengruppe zugänglich. Zugleich erfüllt es als schriftliche, gelehrte Sprachform zahlreiche soziale und kommunikative Funktionen.
Für das Gelegenheitsgedicht der Frühaufklärung ist die sozial repräsentative und schmückende Funktionalität zentral,[1] wie Zieglers Gedicht anschaulich zeigt: Sowohl Dichterin als auch Empfänger des Gedichts erscheinen gelehrt und erfahren dadurch soziale Anerkennung. Gleichzeitig rahmt es die Veröffentlichung des Buchs als besonderes Ereignis und verleiht ihm damit eine Feierlichkeit, die seine Sichtbarkeit steigert und zu seinem Prestige beiträgt. Das Gedicht würdigt also nicht nur Gelehrsamkeit, sondern macht sie öffentlich sichtbar und verleiht ihr gesellschaftlichen Status. In diesem Sinne schlägt Zieglers Gedicht im wahrsten Sinne des Wortes eine Brücke zwischen Wissen und öffentlicher Anerkennung – sowie Schramms Werk die Brücke selbst als Bauwerk und politisches Denkmal für den sächsischen Herrscher inszeniert.
In Zieglers Gedicht zeigt sich das für die Gattung charakteristische Spannungsverhältnis von sprachlicher Konventionalisierung und ästhetischer Zweckgebundenheit auf der einen, und individueller Gestaltung auf der anderen Seite.[2] Sie bedient sich der topischen Formen der angezeigten Ehrerbietung, indem sie dem „Freund“ neben gründlicher Reflexion („Nachsinn und Verstand“) auch „Kunst und Fleiß“ attestiert. Wegen seines „Wunderwerks“ wird Schramm der Nachruhm sicher sein; aber Ziegler füllt diese Topoi auch mit individuellem Witz, denn der gelehrte Autor der Schrift erscheint selbst ‚monumentaler‘ als die Baumeister der Brücke. Gerade dieses Spiel mit den Konventionen der Gattung zeigt, dass deren formale und funktionale Gebundenheit nicht mit einem geringeren poetischen Anspruch gleichzusetzen ist.
Der häufig erhobene Vorwurf der Trivialität von Kausalgedichten ist grundsätzlich kritisch zu betrachten: Gelegenheitsgedichte der Frühaufklärung können nur bedingt am Maßstab der Idee einer autonomen Kunst oder dem poetischen Anspruch etwa eines Erlebnisgedichts gemessen werden. Johann Christoph Gottsched, dessen poetologische Positionen Ziegler in vielerlei Hinsicht teilte, verteidigt die Legitimität und poetische Qualität der Gattung,[3] auch wenn sie bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts vermehrter Kritik und Abwertung ausgesetzt war. Als literaturhistorisches Zeugnis ermöglichen Gelegenheitsgedichte wie das hier vorgestellte daher Einblicke in den Wandel literarischer Bewertungen und natürlich gewähren sie als historische Quelle auch Zugriff auf die Kulturgeschichte ihrer Entstehungszeit.
Auch wenn unser Editionsprojekt sich auf die Hauptsammlungen Zieglers konzentriert, zeigen Einzelerscheinungen wie diese, welche Erkenntnisse sich aus scheinbaren Randfunden gewinnen lassen. Sie zeigen uns etwa, wie präsent Ziegler in der gelehrten Öffentlichkeit des frühen 18. Jahrhunderts war und wie breit ihre Interessen gestreut waren. Außerdem stellt Schramms Werk ganz grundsätzlich einen interessanten Ausgangspunkt für Fragen der intermedialen Wissensvermittlung in der Frühaufklärung dar. Dass ausgerechnet ein Brückenbuch zu solchen Einsichten führt, zeigt, dass die spannendsten Verbindungen der Forschung oft dort entstehen, wo man sie zunächst gar nicht vermutet.
Text von Hannah Scheuble, studentische Hilfskraft im Editionsprojekt
[1] Vgl. Claudia Hillebrandt: Gelegenheitslyrik und Lyrikfunktionen. Überlegungen zu einer funktionstheoretischen Beschreibung mit Blick auf die Gelegenheitslyrik der Moderne. In: Johannes Franzen / Christian Meierhofer (Hg.): Gelegenheitslyrik in der Moderne. Tradition und Transformation einer Gattung, Bern 2022, S. 339–357.
[2] Vgl. Stephanie Stockhorst: Gelegenheitsdichtung. In: Friedrich Jaeger: (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit Online, 2019. https://doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_270181
[3] Vgl. Johann Christoph Gottsched: Untersuchung, ob es einer Nation schimpflich sey, wenn ihre Poeten kleine und sogenannte Gelegenheitsgedichte verfertigen. In: Neuer Büchersaal der schönen Wissenschaften und freyen Künste, II. Band, Fünftes Stück, Leipzig 1746, S. 463–480.
